Neue Gedenkkultur in Rödermark

Vom Rödermark Examiner im PDF Format herausgegebenen Newspaper hier die Textversion.
 

Neue Gedenkkultur in Rödermark – Demokratiefeinde gleichermaßen würdigen
„Josef-Stalin-Platz“ soll noch im Herbst feierlich in Urberach eingeweiht werden
Von Alfons Gotta-Schrod. Wie „Rödermark Examiner“ aktuell aus einer zuverlässigen Quelle im Rathaus Ober-Roden erfuhr, war die kürzlich von der Grün-Schwarzen Koalition in der Rödermärker Stadtverordnetenversammlung beschlossene Benennung eines Weges am Festplatz in Urberach nach dem Kommunistenführer und Demokratiefeind Ernst Thälmann nur der erste Schritt einer komplett neuen Gedenkkultur in Rödermark. Bereits im Frühjahr hatte demnach der Magistrat eine Arbeitsgruppe „Gedenkkultur in Rödermark 2.0“ („2.0“ bedeutet hierbei, dass die Arbeitsgruppe (AG) aus zwei Magistratsmitgliedern besteht) eingesetzt, deren Arbeitsauftrag die Erarbeitung eines komplett neuen städtischen Konzepts zum Gedenken speziell an Demokratiefeinde, Diktatoren und Faschisten ist. Der erste konzeptionelle Bericht der Arbeitsgruppe mit konkreten neuen Gedenkempfehlungen wurde unlängst einstimmig vom Magistrat beschlossen und liegt „Rödermark Examiner“ exklusiv vor. In den städtischen Gremien soll das Papier nach der Sommerpause beraten und beschlossen werden. Die Arbeitsgruppe hat für jeden Stadtteil einen ersten Vorschlag für ein neues bzw. anderes Gedenkformat unterbreitet; diese sollen per Antrag aus dem Büro des Bürgermeisters alsbald Eingang in den Geschäftsgang der städtischen Gremien finden. Im Einzelnen sieht das Konzept – als ersten Schritt – für die fünf Rödermärker Stadtteile vor:

Urberach
Damit sich Thälmann nicht unnötig lang alleine als Kommunist im Kreis der in Rödermark durch Straßen- oder Plätzenamen geehrten Personen befindet, soll noch im Herbst diesen Jahres der nie wirklich bei der Urberacher Bevölkerung emotional angekommene „Häfnerplatz“ zum Gedenkplatz an einen Freund und gleichsam Idol von Ernst Thälmann in „Josef-Stalin-Platz“ umbenannt werden. Im Rahmen der entsprechenden Gedenkfeier soll – vornehmlich aus Kostengründen – gleichzeitig die namentlich angestaubte „Kelterscheune“ in „Roter-Oktober-Halle“ umbenannt werden, um damit an die blutige Oktoberrevolution 1917 in Russland zu gedenken. Die beiden Bronzetafeln sollen neben Deutsch auch in Kyrillisch, Türkisch, Altgriechisch, Hindi und in Blindenschrift abgefasst werden.

Ober-Roden
In Ober-Roden soll gemäß dem Konzept schnellstmöglich die mit dem sperrigen Namen „Trinkbornschule – Zweigstelle Breidert“ gestrafte Breidertschule von demselben erlöst und in „Erich und Margot Honecker Grundschule“ umbenannt werden. Ein entsprechendes Schreiben des Magistrates mit Bitte um zeitnahe Umbenennung wurde von einem städtischem Boten mittels e-Bike Nutzung beim Schulträger, dem Kreis Offenbach, in Dietzenbach im Kreishaus überbracht. Der besondere Charme dieser Umbenennung liegt in der gleichzeitigen Ehrung einer Frau, was praktischerweise den Rödermärker Geschlechterehrungsquotienten (Männer : Frauen : Transgender) nach der Bundesgeschlechterehrungsanteilsfestlegungsdurchführungsverordnungsrichtline (BGeschlEhrAntFstlgDVORL) zu Gunsten der Frauen optimiert – also klassisch zwei Fliegen mit einer Klappe. In einer Fußnote empfiehlt das Konzept diesbezüglich weiterhin, zu prüfen, inwieweit Margot Honecker zur Einweihung der neuen Namensschilder und feierlichen Umbenennung der Schule eingeladen, eingeflogen und als Festrednerin gewonnen werden kann. Gerüchteweise wurden hierfür bereits zwei städtischer Mitarbeiter freigestellt und diese befinden sich schon seit Monatsbeginn für erste Sondierungsgespräche mit der zu ehrenden Dame in Chile.

Waldacker
Die Idee zum neuen Gedenkort in Waldacker kam, so steht es ehrlicherweise auch im Konzept, gar nicht von den AG-Magistratsmitgliedern selber, sondern aus der Verwaltung; nämlich dem Schriftührer der AG. Der Mitarbeiter hat nach intensiver Internetrecherche im nordkoreanischen Angebot von E-Bay eine lebensgroße, massive, polierte 12m hohe Bronzestatur von Kim Jong-il für 122.000 nordkoreanische Won (umgerechnet 87,36 €) ersteigert. Sobald man sich mit dem Verkäufer, einem gewissen Kim Jong-un, über die Liefermodalitäten einig ist, soll die Statur auf einer neu zu gestaltenden Mittelinsel auf der Hauptstraße in Waldacker, Höhe Bushaltestelle „Mitte“, zum gedenken und verweilen einladen. Mitarbeiter des städtischen Bauhofes prüfen derzeit anhand eines eigens dafür angefertigten Marmormodells der Statur im Maßstab 1:1,15, inwieweit ein Opel Kombi aus dem städtischen Fuhrpark mit verbrauchsfreundlichem Erdgastank zur Abholung der Statur in Pjöngjang geeignet ist. Eine Navigations-CD mit dem Kartenmaterial von Nordkorea, insbesondere mit akustischem Mienenfeldwarner, wurde vorsorglich vom städtischen Ordnungsamt beschafft.

Messenhausen
Für Messenhausen sieht die Empfehlung der Arbeitsgruppe eine besonders würdige Art des neuen Gedenkens vor: Der im Volksmund „Kapellchen“ genannte Kirchenbau am Ortseingang zwischen der Urberacher- und Kapellenstraße soll in „Lenin Kathedrale“ umbenannt werden. Ein entsprecher Brief mit Bitte um Umbenennung und -segnung wurde mittlerweile, symbolisch unterzeichnet von allen Magistratsmitgliedern, per Einwurfeinschreiben an den Papst, sowie in Kopie an den russischen Präsidenten Wladimir Putin geschickt. Ob sich der Vorplatz des Kapellchens für die Errichtung eines maßstabsgetreuen Nachbaus des Roten Platzes in Moskau mitsamt Lenin Mausoleum eignet, wird derzeit von Mitarbeitern des städtischen Tiefbauamtes intensiv geprüft.

Bulau
Geplant ist laut Gedenkkonzept, den großen Parkplatz auf der Bulau direkt nach dem Bahnübergang in „Mao-Tse-tung-Platz-des-himmlischen-Bulaufriedens“ umzubenennen. Wie aus sicherer Quelle im Rathaus zu erfahren ist, wird dieses Projekt jedoch wohl keine alsbaldige Realisierung erfahren, denn mit dem Eigentümer der privaten Fläche konnte seitens des Magistrates – bislang – kein gütliches Einvernehmen in der Namenssache hergestellt werden. Derzeit prüft der Magistrat daher rechtliche Möglichkeiten und Schritte zur Erreichung der Umbenennung; auch über eine Enteignung zum Zwecke der Namensänderung wird hinter vortgehaltener Hand auf dem Rathausflur spekuliert. Weiter wird gemunkelt, dass ein großer Vorteil der Enteignung wäre, dass sich dann durch entsprechende bauliche und begrünende Maßnahmen ein autofreier null-Energie-Öko-Parkplatz ohne Zweckbindung sowie – gleichsam erfreulich – ohne praktische Nutzbarkeit herrichten ließe.

Insgesamt betritt Rödermark mit der neuen Gedenkkultur nicht nur Neuland, sondern wird bezüglich des Gedenkens an Feinde der Demokratie, Diktatoren und Faschisten zum absoluten Vorreiter und Vorbild in Hessen, Deutschland, Europa und vermutlich der gesamten westlichen Welt. Die Magistratsarbeitsgruppe zur neuen Gedenkkultur wurde daher mittlerweile um einen weiteren ehrenamtlichen Stadtrat aufgestockt (jetzt: „3.0“), und ist zudem seit dem 01.05.2014 als permanentes Hilfgremium des Magistrates fest installiert. Der Arbeitsauftrag wird fortgeschrieben – weitere unkonventionelle Gedenkmöglichkeiten sollen eruiert und ausgearbeitet werden. (ags)

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